Medikamente, Besteck, Glas, Autos, Fahrräder, Gebäude, Brücken - Produkte der Industrie sind ständige Begleiter im Alltag und für das heutige Leben in vielen Fällen unverzichtbar. Gleichzeitig ist der Industriesektor das Rückgrat der deutschen Wirtschaft: 1.893 Milliarden Euro setzten die Industrieunternehmen 2017 deutschlandweit um und steuerten damit knapp ein Viertel zur gesamten Wertschöpfung bei. Nordrhein-Westfalen nimmt hier eine bundesweite Spitzenposition ein. Jeder fünfte Euro des gesamtdeutschen Industrieumsatzes wird von den hier ansässigen produzierenden Unternehmen erwirtschaftet. Dafür sorgen insbesondere die großen Branchen: Maschinenbau, Chemie, Eisen, Stahl, Automobil und Energiewirtschaft. Auch innerhalb Nordrhein-Westfalens ist die Industrie Fundament für Wachstum und Wohlstand: Sie trägt nicht nur maßgeblich zum Bruttoinlandsprodukt bei – sondern ist auch einer der größten Arbeitgeber in NRW. Knapp ein Fünftel der Erwerbstätigen sind direkt in der Industrie beschäftigt. Hinzu kommen die zahlreichen Dienstleister, die für den Industriesektor arbeiten.


Industrielle CO2-Emissionen – ein Überblick

Dank moderner Anlagentechnik sind rauchende und rußende Fabrikschlote aus der nordrhein-westfälischen Industrielandschaft heute verschwunden. Auch die Produktionsprozesse der Unternehmen wurden in den vergangenen Jahrzehnten deutlich effizienter. Das schlägt sich auch im Treibhausgasausstoß nieder: Gegenüber 1990 hat der nordrhein-westfälische Industriesektor die jährlichen Emissionen um rund 40 Millionen Tonnen CO2e reduziert – von 94,3 Millionen Tonnen im Jahr 1990 auf 54,7 Millionen Tonnen im Jahr 2017. Das entspricht einer Reduzierung von über 42 Prozent und liegt damit über den Emissionseinsparungen des gesamten Bundeslandes in Höhe von 25 Prozent in demselben Zeitraum. Dennoch zählt die Industrie weiterhin zu den größten Verursachern von Treibhausgasemissionen im Land. In Nordrhein-Westfalen liegt der Anteil bei 20 Prozent. Der Anteil der deutschen Industrieunternehmen am bundesweiten Ausstoß liegt bei 20,7 Prozent.

Innerhalb der Industrie sind die Emissionen vor allem auf die energieintensiven Branchen (EID), d.h. die chemische Industrie, Stahl und NE-Metalle, Steine und Erden, Glas sowie Papier zurückzuführen. Sie produzieren Grundstoffe für Infrastrukturen, Gebäude, Maschinen und Konsumgüter und verursachen dabei die meisten sektorbezogenen Treibhausgasemissionen. Die Herstellung von einer Tonne Zement etwa erzeugt rund 0,56 Tonnen CO2, pro Tonne Stahl fallen 1,36 Tonnen CO2 an. Zu unterscheiden ist dabei zwischen energie- und prozessbedingten Emissionen: Rund zwei Drittel der Gesamtemissionen der energieintensiven Industrien sind auf Verbrennungsprozesse und die Eigenstromversorgung zurückzuführen, während Produktionsprozesse für zirka ein Drittel der Emissionen verantwortlich sind. Den direkten Treibhausgasemissionen sind zudem indirekte Emissionen aus dem Bezug von Fremdstrom und Fernwärme hinzuzurechnen, welche jedoch im Energiesektor bilanziert werden.


Industrieller Klimaschutz:
Industrie als Lösungstreiber

Durch ihre Produkte ist die Industrie gleichzeitig ein unverzichtbarer Baustein im Klimaschutz. Insbesondere die Grundstoffbranchen liefern für Zukunftslösungen unverzichtbare Werkstoffe. So sind Gebäudesanierungen und der Bau von Niedrigenergiehäusern etwa zwingend auf Dämmstoffe aus der Chemie- und Glasindustrie angewiesen. Gläser und Silikone sind nur einige der Stoffe, die bei der Konstruktion von Photovoltaikanlagen und Windrädern benötigt werden. Und auch die E-Mobilität wäre ohne Leichtbaumaterialien wie Aluminium und Carbonfasern ebenso undenkbar, wie der für die Energiewende notwendige Ausbau der Stromnetze ohne Stahl und Beton.

Um die bei der Produktion anfallenden Emissionen zu reduzieren und Stoffkreisläufe zu schließen, arbeiten die Unternehmen kontinuierlich an der Verbesserung der Produktionsprozesse: der Steigerung von Energie- und Ressourceneffizienz, neuen Prozesstechnologien, dem Wechsel von Energieträgern sowie einer generell klimaverträglicheren Gestaltung des Produktportfolios.

Für eine weitgehend treibhausgasneutrale Industrieproduktion sind jedoch völlig neue Wege zu beschreiten. Dazu braucht es innovative neue Technologien, neue Formen industrieller und staatlicher Kooperation auf nationaler und internationaler Ebene sowie geeignete ökonomische Rahmenbedingungen. Bereits heute  kommen verschiedene neue Technologien zum Einsatz. Für die Produktion von Stahl etwa wird der Einsatz von grünem Wasserstoff als Alternative zu Steinkohlen-Koks erprobt. Auch das Schließen der Stoffkreisläufe nach dem Prinzip der Circular Economy wird mitentscheidend sein für ein nachhaltigeres Wirtschaften, da auf diesem Weg nicht nur Ressourcen gespart werden, sondern für die Produktion von Recyclingmaterialien auch weniger Energie benötigt wird und dadurch weniger CO2 emittiert wird.

 

 

Während in einigen Branchen mit Hilfe neuer innovativer Produktionstechnologien der Treibhausgasausstoß maßgeblich reduziert werden kann, hängen für Teile der Grundstoffindustrie (Zement, Kalk, Glas) die Treibhausgasemissionen zum Teil direkt mit nicht-substituierbaren Einsatzstoffen zusammen und sind somit unvermeidbar. Eine Lösung bieten hier Verfahren, mit denen das Kohlenstoffdioxid direkt aus industriellen Abgasen abgefangen wird (Carbon Capture). In einem nächsten Schritt lässt sich das CO2 als wertvoller Rohstoff für zum Beispiel Kunststoffe oder Chemikalien weiternutzen (CCU – Carbon Capture & Usage) oder aber speichern (CCS – Carbon Capture & Storage).

Mit der Weiterentwicklung und Verzahnung innovativer Technologien kann den Herausforderungen des Klimawandels auf effiziente Weise begegnet werden. Eine Voraussetzung dafür ist die Realisierung der jeweils nötigen Infrastrukturen. Die sichere Versorgung der Industrie mit Energie und erneuerbaren Rohstoffen, wie zum Beispiel Wasserstoff, Methanol und Ammoniak, wird für eine zukünftige klimaneutrale Produktion entscheidend sein. Denn allein mit den Potenzialen in Deutschland sind die Bedarfe nicht zu decken. Auch in dieser Hinsicht gilt es übergreifend in nationalem und internationalem Kontext zu denken, um Branchen, Kreisläufe und Infrastrukturen optimal miteinander zu vernetzen.

Die Transformation zu einer klimaneutralen Industrie wird damit zu einer branchenübergreifenden und gesellschaftlichen Aufgabe, die Mut für Veränderungen, Akzeptanz und vielfältige neue und innovative Ansätze fordert. Dies ist für ein Industrieland auch mit großen Chancen, neuen Geschäftsmodellen und potenziellen Wettbewerbsvorteilen verbunden: in der Entwicklung und Beherrschung neuer Technologien, dem rechtzeitigen Vorhandensein der nötigen Infrastruktur, der Vermarktung neuer Produkte und dem Export dieser Produkte sowie Technologien.

Glossar

Zentrale Begriffe rundum die klimaneutrale Industrie und innovative Zukunftstechnologien kurz erläutert.

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