Im Gespräch: Prof. Dr. Stefan Lechtenböhmer

Prof. Dr. Stephan Lechtenböhmer ist Leiter der Abteilung Zukünftige Energie- und Industriesysteme am Wuppertal Institut. Als wissenschaftlicher Leiter des Projektes SCI4climate.NRW – dem wissenschaftlichen Kompetenzzentrum der Initiative IN4climate.NRW – koordiniert er die Begleitung der Initiative aus Forschungssicht.

SCI4climate.NRW gliedert sich in drei Forschungsintervalle - wie fassen Sie die Ergebnisse der ersten Periode zusammen?

Es ist gelungen, gemeinsam mit IN4climate, den Unternehmen und der Landesregierung intensive Zusammenarbeitsformen zu etablieren, die es sehr zielgenau ermöglichen die wichtigsten Fragen aus Sicht aller Beteiligten zu bearbeiten. Zu Szenarien, Strategie- und Politikempfehlungen für Entwicklung von Wasserstoff und entsprechenden Infrastrukturen in Deutschland und NRW wurden zentrale fachliche Grundlagen geschaffen. Wir haben die Chancen und Herausforderung eines weitgehenden Kunststoffrecyclings analysiert und Politikempfehlungen für EU, Bund und Land u.a. zum Ausbau der erneuerbaren Energien entwickelt und arbeiten an einer Bewertung einer Kohlenstoffdioxidwirtschaft für NRW. Daneben haben die Forscherinnen und Forscher von SCI4climate.NRW umfangreiche Grundlagenarbeiten zu klimaneutralen Technologien und differenzierten Szenarien einer klimaneutralen Industrie für NRW durchgeführt. Auf dieser Basis werden wir im kommenden Forschungsintervall noch deutlich intensiver über die Zukunftsfragen der NRW-Industrie diskutieren können.

Was stimmt Sie zuversichtlich/wo sehen sie aus Forschersicht die größten technologischen Potenziale, dass die Transformation der Industrie hin zur Klimaneutralität machbar ist?

Die Transformation zur Klimaneutralität ist für die Grundstoffindustrie besonders herausfordernd. Es müssen sowohl neue Technologien entwickelt und in großem Maßstab investiert werden als auch bekannte Prozesse noch deutlich effizienter werden. Beispiele sind die Stahlherstellung, die Glasherstellung mit Wasserstoff, Elektrifizierung und der Umstieg auf nicht-fossile Rohstoffe in der Chemie. Gleichzeitig ist es wichtig die Recyclingkreisläufe noch besser zu schließen als bisher und dadurch weniger primäre Rohstoffe zu nutzen. Zudem werden große Mengen an grüner Energie benötigt, vor allem in Form von Strom und Wasserstoff. Hier liegt eine immense Aufgabe für einen wieder zu beschleunigenden Ausbau der Erneuerbaren Energien und für die Entwicklung geeigneter Infrastrukturen wie z. B. Wasserstoffpipelines.

Was mich trotz aller Herausforderungen zuversichtlich stimmt ist, dass diese Themen noch vor wenigen Jahren so gut wie überhaupt nicht diskutiert wurden, sie heute aber sowohl von der Politik als auch der Industrie sehr aktiv vorangetrieben werden. Besonders viele Akteure der Industrie nehmen die Ziele von Paris inzwischen sehr ernst.

Was muss geschehen, damit die Transformation hin zu einer klimaneutralen Industrie in NRW gelingt?

Gerade für NRW als deutscher und europäischer Schwerpunkt vieler Grundstoffindustrien sind die Strategien zur Klimaneutralität von besonderer Bedeutung. Es kommt gerade für uns darauf an, die Unternehmen zur Entwicklung innovativer Technologiedurchbrüche zu befähigen und in zum Teil völlig neue Lösungen zu investieren. Dazu ist nicht nur finanzielle Unterstützung von Bund und EU sondern auch die Schaffung von Absatzmärkten für die grünen Grundstoffe der Zukunft wichtig. Denn die Unternehmen befinden sich vielfach in scharfem internationalem Wettbewerb und können die Transformation nur zusammen mit Politik und Gesellschaft stemmen. Dies gilt insbesondere für die Schaffung einer leistungsfähigen Infrastruktur für konkurrenzfähigen grünen Strom und grüne Gase in NRW.