Im Gespräch: Jeannette Baljeu

Jeannette Baljeu ist seit 2017 Regionalministerin der niederländischen Provinz Zuid-Holland (Südholland). In ihren Verantwortungsbereich fallen die Themen „Wandel von Hafen und Industrie“ und „europäische und internationale Angelegenheiten“. Als Berichterstatterin für den Ausschuss der Regionen verfasste sie die Stellungnahme Eine neue Industriestrategie für Europa. Die Provinz Zuid-Holland arbeitet bei diversen Projekten und Kooperationen eng mit IN4climate.NRW zusammen, zum Beispiel bei der Industry Transition Platform.

Welche Ansätze für einen klimaneutralen Umbau der Industrie sind aus niederländischer Sicht von besonderer, zentraler Bedeutung, und was für Maßnahmen werden aktuell in Ihrer Region umgesetzt?

Gemeinsam mit dem Hafenbetrieb Rotterdam und weiteren regionalen Partnern wollen wir Zuid-Holland zu „Hollands Wasserstoff-Drehscheibe“ machen. Dazu gibt es ein Bündel verschiedener Maßnahmen, die mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten umgesetzt werden müssen. Kurzfristig liegt unser Schwerpunkt in Zuid-Holland auf Energieeinsparungen und der Verbesserung der Energieinfrastruktur, einschließlich der Nutzung von Dampf und Abwärme durch die Industrie. Darüber hinaus fördern wir CCS und CCU, wozu auch die Entwicklung einer Anlage zur Produktion von „blauem“ Wasserstoff (H-Vision) gehört, um CO2-neutrale Hochtemperaturprozesse zu ermöglichen.

Mittel- bis langfristig konzentriert sich Zuid-Holland auf die Entwicklung eines nachhaltigen Energiesystems auf Basis einer intelligenten Integration von Elektrifizierung, Nutzung von „grünem“ Wasserstoff, Speicherung erneuerbarer Energien und anderen Formen von Energie.

Langfristig strebt Zuid-Holland die Entwicklung einer Kreislaufwirtschaft an, in der – wie zum Beispiel im Rahmen des Projekts „Waste to Chemicals“ – Abfall als Ausgangsstoff genutzt wird. Darüber hinaus führen wir Machbarkeitsstudien für die Abscheidung und Nutzung von Kohlenstoff (CCU), beispielsweise zur Herstellung synthetischer Brenn- und Kraftstoffe im Hafen von Rotterdam, durch.

 

Welche Gemeinsamkeiten gibt es zwischen den Wasserstoff-Roadmaps der Niederlande und NRWs?

Bereits in meiner Videobotschaft und während des kurzen Austauschs mit Minister Pinkwart bei der Vorstellung der Wasserstoff-Roadmap für NRW habe ich gesagt, dass zwischen den Roadmaps meiner Meinung nach viele Gemeinsamkeiten bestehen. Vor allem aber halten beide, Zuid-Holland ebenso wie NRW, ein Wasserstoff-Ökosystem in Nordwesteuropa mit einer starken Verbindung zwischen dem Hafen Rotterdam und dem Ruhrgebiet für wichtig.

Bereits jetzt entwickelt sich der Hafen Rotterdam zu einer Drehscheibe für nachhaltige Energie, wo Angebot (Import und lokale Produktion), Nachfrage (Nutzung in Industrie und Mobilität) und infrastrukturelle Anbindung nach NRW zusammenkommen können. Mit dieser Infrastruktur könnten auch andere große Industriecluster in der Region angebunden werden, darunter Chemelot in Limburg. Dies würde zur Entwicklung eines internationalen Wasserstoffmarktes, einschließlich der in beiden Roadmaps thematisierten Einfuhr von sauberem Wasserstoff aus Übersee, beitragen. Der Hafen Rotterdam mit seinen Anlagen und seinen weltweiten Verbindungen wird für Zuid-Holland ebenso wie für NRW eine wichtige Rolle als Import- und Transitknotenpunkt spielen können.

 

Warum eignet sich Wasserstoff aus Ihrer Sicht besonders gut für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit und welche konkreten Kooperationsmöglichkeiten sehen Sie mit NRW (und vielleicht speziell mit IN4climate.NRW)?

Wasserstoff kann Antworten auf grenzüberschreitende Herausforderungen beitragen, mit denen sowohl Zuid-Holland als auch NRW konfrontiert sind, und beispielsweise die Umgestaltung der Wirtschaft zu einer Green Economy mit grünen Arbeitsplätzen, die Verringerung der CO2-Emissionen und die Systemintegration von Solar- und Windkraft vorantreiben.

Zuid-Holland und NRW arbeiten bereits im Rhine Hydrogen Integration Network of Excellence (RH2INE) zusammen, das den Schwerpunkt auf emissionsfreien Schiffsverkehr entlang des Rhein-Alpen-Korridors legt. Dies könnte genutzt werden, um international ein größeres Bewusstsein für unsere Interessen und gemeinsamen Ansätze zu schaffen; nicht nur gegenüber anderen Regionen, sondern auch gegenüber der Europäischen Kommission.

Zuid-Holland und NRW haben ein ähnliches Wirtschaftsprofil mit großen Industrieclustern, deren hohe Nachfrage nach sauberem Wasserstoff das zu erwartende Angebot übersteigt. Es gibt bereits eine Infrastruktur, die Rotterdam und das Ruhrgebiet verbindet, allerdings noch nicht für Wasserstoff. Daher ist es wichtig, eine Übertragungs- und Versorgungsinfrastruktur für Wasserstoff zu entwickeln. Ein starkes Wasserstoffnetz wird es uns ermöglichen, unsere Roadmaps und unsere gemeinsamen Ideen umzusetzen.