Im Gespräch: Gilles Le Van

Gilles Le Van ist seit 1995 für die Air Liquide-Gruppe tätig. Nach ersten Stationen trat er als Director Operations & Strategic Control 2003 in die Geschäftsleitung der Air Liquide Deutschland GmbH (ALD) ein und wurde 2010 zum Director Marketing Development ernannt. Ab 2012 war er weltweit als Vice President Global Strategic Account Management Large Industries tätig. Seit 2017 ist er Vorsitzender der Geschäftsführung der ALD.

Von der Produktion über die Distribution und Speicherung bis hin zu Endanwendungen – Wasserstoff ist ein wichtiges Zukunftsthema für Air Liquide. Was macht das Gas zum Träger der Energiewende?

Air Liquide engagiert sich seit vielen Jahren überall auf der Welt und insbesondere hier in Deutschland und NRW für eine umfassende Nutzung von Wasserstoff – weil wir überzeugt sind, dass Wasserstoff beim Übergang zu einem sauberen, kohlenstoffarmen Wirtschaftssystem eine Schlüsselrolle spielen wird.
Wasserstoff hat großes Potenzial, Mobilitätsanwendugen effizient zu dekarbonisieren. Vor allem aber ist Wasserstoff das ideale Bindeglied zwischen Energiegewinnung, industriellem Einsatz und Transportwesen. Er ist universell einsetzbar und ermöglicht zahlreiche Wertschöpfungsketten, auch solche komplett ohne CO2-Emissionen. Im Sinne der Sektorenkopplung können wir mit Wasserstoff Brücken bauen zwischen Chemie und Stahl, zwischen Energieversorgern und Automobilbau bis hin zum Individualverkehr.

NRW als Industrieregion ist für Air Liquide besonders wichtig. Welche Voraussetzungen müssen Ihrer Meinung nach gegeben sein, um Wasserstoff in NRW kurzfristig in die breite Anwendung zu bringen?

Air Liquide ist in NRW tief verwurzelt. Hier betreiben wir mehr als 200 km Wasserstoff-Fernleitung und in Marl das größte Wasserstoff-Füllwerk Europas. Nicht zuletzt deswegen verfügt NRW über beste Voraussetzungen für eine erfolgreiche Wasserstoffwirtschaft.

Um insbesondere grünen Wasserstoff wettbewerbsfähig zu machen, bedarf es einer deutlichen Senkung der Produktionskosten. Daran müssen Wirtschaft, Forschung und Politik gemeinsam arbeiten, um den bereits guten technologischen Stand weiterzuentwickeln und operative Effizienzen zu steigern. Parallel müssen wir auf eine Anpassung der legislativen Rahmenbedingungen hinwirken. Wenn wir zeitnah vermehrt Wasserstoff zur Dekarbonisierung in Kernindustrien einsetzen, dann können wir mit diesem Markthochlauf essentielle Skaleneffekte erzielen. Aus diesem Grund engagieren wir uns stark in der Stahlindustrie mit unserem Partner thyssenkrupp Steel und dem Betriebsforschungsinstitut des VdEH (BFI) für den Einsatz von Wasserstoff in Hochöfen - mit sehr guter Unterstützung der Landesregierung über IN4climate.NRW.

Wichtige Voraussetzung für den Durchbruch der Wasserstoff-Technologie in der Mobilität ist im Übrigen eine flächendeckende Infrastruktur für die Betankung. Hier investieren wir als Air Liquide gemeinsam mit kompetenten Partnern.

Der Einstieg in eine Wasserstoffwirtschaft soll zunächst über blauen Wasserstoff gelingen – mit dem Ziel diesen schrittweise durch grünen Wasserstoff zu ersetzen. Laut aktuellen Szenarien kann der zukünftige Bedarf in Deutschland eine Größenordnung von über 500 bis 1.000 Terawattstunden pro Jahr erreichen. Welchen Beitrag kann Air Liquide hier leisten?

Das Ziel ist und bleibt eine dekarbonisierte, aber wettbewerbsfähige Industrie. Um dies zu erreichen, muss der grüne Wasserstoff prioritär ausgebaut werden. Für den grünen Wasserstoff aus Wasserelektrolyse ist das regulatorische Umfeld gerade hier in Deutschland derzeit nicht gut. Wir brauchen Investitionsanreize und stabile energiepolitische Rahmenbedingungen. Hinzu kommt, dass der dafür notwendige Ausbau von erneuerbaren Energien und die Unbeständigkeit in der Erzeugung uns vor gewisse Herausforderungen stellen. Hier kann der blaue, also der fossil erzeugte, aber dekarbonisierte Wasserstoff, eine wichtige Rolle spielen, auch wenn dieser selektiv zum Einsatz kommt. Auf dem Weg aus der alten grauen in die neue grüne Wasserstoffwelt kommt also dem klimaneutralen blauen Wasserstoff eine große Bedeutung zu. Air Liquide besitzt umfangreiche Erfahrungen in allen Produktionspfaden von Wasserstoff – von der Wasserelektrolyse bis hin zu CCS-Projekten. Wir verstehen uns als Partner der Energiewende und werden uns mit unserem Know-how einbringen, wo auch immer es dem Klimaschutz dient.