Im Gespräch: Dr. Erika Bellmann

Dr. Erika Bellmann ist Senior Advisor Climate & Energy beim WWF Deutschland und dort seit 2012 beim Klimaschutz- und Energiepolitikteam aktiv. Ihr aktueller Themenschwerpunkt liegt im Bereich Klimaschutz in der Industrie.

2018 hat der WWF an einer Studie von acatech zur Nutzung von CCU- und CCS-Technologien teilgenommen und gemeinsame Handlungsempfehlungen unterzeichnet - Welche Bedeutung haben CCU/CCS für die Erreichung der Pariser Klimaziele aus Ihrer Sicht?

Zunächst geht es weniger um meine Sicht als vielmehr um die Sicht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC). In den IPCC-Berichten kommt CCS und BECCS eine wichtige Rolle zu. Die Ergebnisse der acatech Studie beschreiben, wie die Möglichkeiten für CCS in Europa ausschauen. Außerdem haben wir uns mit anderen europäischen Partnerorganisationen überlegt, wie eine klimaneutrale Industrie in Europa und in Deutschland aussehen könnte. Aus unserer Sicht müssen die Potenziale der Kreislaufwirtschaft maximiert werden, weil es nicht nur dem Klima nützt, sondern auch andere Umweltbelastungen minimiert. Aber selbst in einem sehr stark auf Kreislaufwirtschaft ausgerichteten Szenario, blieb noch ein Restbetrag für CCS, ohne den man nicht auf Null Emissionen gekommen wäre.


Bei welchen Industrieprozessen wird aus Ihrer Sicht auch in Zukunft schwer zu verhindern sein, dass Treibhausgase wie CO2 entstehen?

Wenn die Entstehung von CO2 schwer zu verhindern ist, sollte man sich der Herausforderung stellen und es doch möglichst erreichen. Was aber tun, wenn die Entstehung von CO2 gar nicht zu verhindern ist, wie zum Beispiel bei der Herstellung von Zement-Klinker? Da käme außer einem Verzicht auf das Produkt nur CCS in Frage. Und so haben wir in der aktuellen WWF Position zu Klimaschutz in der Industrie auch einen Teil der heutigen Zementemissionen als mit CCS zu behandeln aufgeführt. Diese Emissionen blieben selbst dann für CCS übrig, wenn ansonsten idealtypisch Erneuerbare Energien ausgebaut und sämtliche Hebel der Energieeffizienz und Kreislaufwirtschaft greifen würden.


Welche gesellschaftlichen, technologischen wie politischen Rahmenbedingungen müssen noch geschaffen werden, um CCU/CCS zur Anwendung zu bringen? Welche gesellschaftlichen Diskussionen müssen noch geführt werden?

CCU ist sehr stromintensiv und der Strom müsste 100 Prozent erneuerbar sein, damit es aus Klimaschutzsicht überhaupt sinnvoll ist, CCU Prozesse einzusetzen. Da ist die wichtigste Rahmenbedingung die Verfügbarkeit großer Mengen erneuerbaren Stroms, deutlich über das jetzige Ausbautempo hinaus. CCS verringert im Vergleich dazu den Bedarf an erneuerbarem Strom, benötigt stattdessen eine Partnerschaft mit Norwegen, Niederlande oder Großbritannien, um CO2 unter der Nordsee einzulagern. Den beiden gemeinsam ist die Notwendigkeit, CO2 aufzufangen und zu transportieren. Auch diese Aspekte sind noch nicht abschließend geregelt und müssen weiter zu Ende gedacht werden. Allen Grundstoffindustrien ist gemeinsam, dass in den nächsten Jahren über die Investitionen in klimaneutrale Prozesse entschieden werden muss – das ist nicht auf CCU/CCS beschränkt, sondern betrifft alle verfügbaren Lösungsoptionen. Damit die Entscheidungen auch zugunsten einer erfolgreichen klimaneutralen Wirtschaft fallen können, sollten Investitionshilfen und Carbon Contracts for Difference eingeführt werden, sowie auch Normen, Quoten und Standards für klimaneutrale Materialien.