Im Gespräch: Dr. Arnd Köfler

Dr. Arnd Köfler, seit Januar 2017 Chief Technology Officer und Mitglied des Vorstandes der thyssenkrupp Steel Europe AG. Der studierte Maschinenbauer verantwortet den gesamten Produktionsbereich und damit auch alle Aktivitäten von der Roheisenerzeugung über die Walz- bis hin zu den Veredelungsbereichen.

IN4climate.NRW hat – auch unter Mitarbeit von thyssenkrupp – ein Diskussionspapier zum Thema Wasserstoff veröffentlicht. Welche Bedeutung schreiben Sie Wasserstoff für das erfolgreiche Gelingen der Energiewende zu?

CO2-frei erzeugter Wasserstoff wird eine tragende Säule der Energiewende sein. Er hat damit eine enorme Bedeutung, um der zentralen Herausforderung vor der unsere Gesellschaft steht, zu begegnen: die Bekämpfung des Klimawandels.

Klar ist, dass das Ziel einer weitgehend treibhausgasneutralen Wirtschaft ohne die direkte und indirekte Nutzung von Wasserstoff nicht erreicht werden kann. Gerade für die Grundstoffindustrien und insbesondere für die Stahlproduktion ist Wasserstoff – als mögliches Reduktionsmittel- ein wesentlicher Baustein für eine klimaneutrale Produktion.

Die Bundesregierung plant die Veröffentlichung der nationalen Wasserstoffstrategie im Dezember dieses Jahres. Wo sehen Sie – seitens der Politik – noch Handlungsbedarf, um Wasserstoff als Technologie für viele Industrieunternehmen zugänglich zu machen?

Der Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft wird gewaltige Anstrengungen erfordern und muss konsequent erfolgen. Neben den technischen Herausforderungen müssen vor allem die infrastrukturellen, regulatorischen und finanziellen Hürden bewältigt werden. Hier ist es wichtig, dass jetzt die politischen Weichen für eine industrielle Transformation richtiggestellt werden. Es muss sichergestellt sein, dass langfristig ausreichend „grüner“ Wasserstoff, sei es aus Eigenproduktion oder aus Importen, zur Verfügung steht. Ebenso wird für eine Übergangszeit aus Erdgas gewonnener „blauer“ Wasserstoff benötigt werden.

Klar ist, das eine entsprechende Infrastruktur geschaffen werden muss, die den Transport des Wasserstoffes möglich macht. Der gesamte Transformationsprozess hat somit eine große gesamtgesellschaftliche Dimension von der der erfolgreiche Weg hin zu Klimaneutralität in 2050 abhängig ist. Vor diesem Hintergrund ist es umso wichtiger, dass die Bundesregierung die Potenziale der Wasserstofftechnologie klar herausgestellt hat. Die Äußerungen von Bundesminister Peter Altmaier lassen hoffen, dass man nun alles unternehmen wird, um die bisher gute Ausgangsposition, die von Seiten der Industrie geschaffen wurde, im weltweilten Wettbewerb zu halten und auszubauen.

Mit „Wasserstoff statt Kohlenstoff“ verfolgt thyssenkrupp strategische Projekte, die Wasserstoff bereits jetzt konkret einsetzen. Wie sieht die Zukunftsplanung der thyssenkrupp Steel AG diesbezüglich aus?

In einem ersten Schritt beabsichtigt die thyssenkrupp Steel Europe AG, die im Hochofenprozess als Reduktionsmittel zum Einsatz kommende Einblaskohle schrittweise durch die Zufuhr von Wasserstoff (H2) zu ersetzen und damit die CO2- Emissionen aus dem Hochofenprozess zu reduzieren. Im November 2019 haben wir gemeinsam mit Minister Pinkwart dazu am Standort Duisburg-Hamborn der weltweit erste von mehreren Versuchen zur Wasserstoffzufuhr an einer der insgesamt 28 Blasformen des „Hochofens 9“ – gestartet.  

Dieses Projekt wird im Rahmen der IN4Climate Initiative der Landesregierung NRW gefördert. Bis 2022 sollen alle vier Hochöfen auf Wasserstoff umgestellt werden. Allerdings bedarf es zur Erreichung höherer CO2-Einsparungen weiterer, grundlegender technologischer Veränderungen in der Stahlherstellung. Daher plant thyssenkrupp auch den Aufbau von Direktreduktionsanlagen (DR-Anlagen), die auf Basis wasserstoffhaltiger Gase betrieben werden. Auf der Basis einer gleichbleibenden Produktion soll insgesamt die Anlagenstruktur so verändert werden, dass im Jahr 2050 eine klimaneutrale Produktion erfolgen kann