Im Gespräch: Barbara Minderjahn

Barbara Minderjahn ist Hauptgeschäftsführerin des VIK Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft e.V. Sie leitet seit 2013 das Berliner Büro des VIK und ist seit 2016 alleinige Geschäftsführerin. Zuvor war sie in wirtschafts- und energiepolitische Positionen für Energieversorger und wissenschaftliche Institutionen tätig.

 

Die Grundstoffindustrie ist „ein Pfeiler des Wohlstands in Deutschland“ – so steht es in der neuen Studie zur klimaneutralen Industrie, die die Agora Energiewende gemeinsam mit dem Wuppertal Institut veröffentlicht hat. Wie stellen Sie sich eine klimaneutrale Grundstoffindustrie am Wirtschaftsstandort Deutschland in der Zukunft vor?

 Eins vorweggeschickt: Die deutschen Unternehmen sind schon jetzt weltweit führend, was Energieeffizienz, Umwelt- und Klimaschutz angeht. So ist es ihnen in den letzten Jahren beispielsweise gelungen, die Energieeffizienz so weit voran zu treiben, dass Produktionswachstum in wesentlichen Kernbranchen in den letzten Jahren ohne eine wesentliche Ausweitung des Energieverbrauchs erfolgen konnte. Doch Energieeffizienz hat physikalische Grenzen. Daher wird sich der Wirtschaftsstandort Deutschland – im Einklang mit dem gesellschaftlichen Bewusstsein für Klimaschutz - in den kommenden Jahren und Jahrzehnten gravierend verändern müssen, um die angestrebte Treibhausgasminderung oder -neutralität zu erreichen. Unternehmen müssen ihre Produktionsanlagen auf neue treibhausgasarme oder – wenn möglich - treibhausgasfreie Technologien umstellen.

Sie müssen Verfahren entwickeln, wie CO2 als Rohstoff im Rahmen einer Kreislaufwirtschaft genutzt werden kann, statt dass es in die Atmosphäre gelangt. Und es müssen wirtschaftlich vertretbare Alternativen zu fossilen Brennstoffen entwickelt, produziert und genutzt werden. All dies ist nur mit hohen Investitionen und mit einem konstant höheren Betriebskostenniveau zu erreichen. Aktuell können die Unternehmen, die einem harten weltweiten Wettbewerb ausgesetzt sind, diese höheren Kosten allerdings nicht an die Kunden weiterreichen. Das heißt: die in Europa angestrebte Treibhausgasneutralität ist derzeit noch ein schmerzhafter bis existenzgefährdender Wettbewerbsnachteil.  Dafür braucht es Lösungen.

Die Studie macht deutlich, dass auch neue politische Instrumente und veränderte Rahmenbedingen notwendig sind – gerade, weil zwischen 2020 und 2030 eine große Reinvestitionsphase ansteht. Wie bewerten Sie die vorgeschlagenen Instrumente Carbon Contracts for Difference und eine Quote für grünen Wasserstoff?

Die Ergebnisse der Studie belegen, wie dringend notwendig sichere, aber vor allem auch wirtschaftlich tragfähige Rahmenbedingungen für die Transformation der Industrie sind. Die vorgeschlagenen Politik-Instrumente zielen auf wichtige Voraussetzungen für eine gelungene Transformation bei Erhalt der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der Industrie. Bei den genannten „Carbon Contracts for Difference“ geht es zum Beispiel um das Erreichen eines globalen Level-Playing-Fields. Das ist für die Industrie aus den oben genannten Wettbewerbsgründen eine enorm wichtige Voraussetzung. Ob das in der Studie benannte Instrument dies in geeigneter Weise herstellen kann, müssen wir noch im Detail diskutieren, aber der Grundgedanke ist ein wichtiger.

Auch die Bedeutung von Wasserstoff wird in der Studie adressiert und mit der Hoffnung verknüpft, dass es zu einem wesentlichen Game Changer in der Industrie, aber auch für viele andere Sektoren werden kann. Das Potential wird auch in der Industrie als sehr hoch eingeschätzt. Wichtige Hemmnisse sind derzeit jedoch der hohe Preis – die Erzeugung kostet ein Vielfaches des bisher genutzten Erdgases – und die Verfügbarkeit. Denn dessen Herstellung in ausreichenden Mengen lässt sich weder heute noch langfristig in Deutschland realisieren.  Ob eine Quotenregelung hierfür eine Lösung darstellen kann, wird derzeit noch nicht branchenübergreifend einheitlich bewertet. Als branchenübergreifender Verband werden wir die Diskussion hierzu aber in den kommenden Wochen vorantreiben.  

Viele Ihrer Mitgliedsunternehmen sind auch Partner von IN4climate.NRW und arbeiten an klimaneutralen Prozessen oder setzen diese bereits um. Wie setzen Sie sich als Verband für eine klimaneutrale Industrie ein?

Die Begrenzung der Erderwärmung zu erreichen, ist eines der wichtigsten politischen und gesellschaftlichen Ziele unseres Jahrhunderts. Und damit eine der bestimmenden Rahmenbedingungen für unsere Volkswirtschaft. Gleichzeitig ist es notwendig, die wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit der Unternehmen im Auge zu behalten und damit die Auswirkungen einer jeden politischen Entscheidung auf genau diese Wettbewerbsfähigkeit. Der VIK hat es sich zur Aufgabe gemacht, beide Perspektiven miteinander zu vereinen.

Das heißt: die energiepolitischen und energiewirtschaftlichen Diskussionen und Entscheidungen daraufhin zu analysieren, was sie für die heutige Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen bedeuten, wie sie die Herausforderungen der Transformation unterstützen und ob sie auf das Erreichen des übergeordneten Ziels der Treibhausgasreduktion in den industriellen Prozessen einzahlen. Mit dem Ergebnis dieser Analyse sehen wir uns auch als Moderator eines konstruktiven Dialogs zwischen Industrie und Politik und vor diesem Hintergrund engagieren wir uns, so wie viele unserer Mitgliedsunternehmen auch, bei IN4climate.NRW.