Drei Fragen an...Selina Breilmann

Selina Breilmann ist Projektleiterin bei Open Grid Europe. Sie arbeitet am Aufbau des ersten öffentlich zugänglichen Wasserstoffnetzes Deutschlands, das den Grundstein für die industrielle Nutzung von grünem Wasserstoff legen soll.

Frau Breilmann, Sie sind derzeit auf den Plakaten der Initiative IN4climate.NRW zu sehen. Sie setzen sich für den Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur in Deutschland ein – was sind die aktuellen Entwicklungen in diesem Bereich und woran arbeiten Sie persönlich derzeit?

Im letzten Jahr sind wir in Deutschland z. B. mit der Nationalen Wasserstoffstrategie, aber auch mit dem H2-Startnetz der Fernleitungsnetzbetreiber wichtige Schritte auf dem Weg zu einer Wasserstoffwirtschaft gegangen – nun müssen wir zügig in die Umsetzung kommen.

Im Projekt GET H2 Nukleus wollen wir mit unseren Partnern das erste öffentlich zugängliche Wasserstoffnetz in Deutschland realisieren und so die Produktion von grünem Wasserstoff in Niedersachsen mit Abnehmern in Lingen und im nördlichen Ruhrgebiet verbinden. Der Erfolgsfaktor des Projektes ist, dass wir entlang der gesamten Wertschöpfungskette denken, um das Henne-Ei-Problem am Start zu überwinden.

In meiner Rolle als Projektleitern bei OGE für den GET H2 Nukleus ist es meine Aufgabe, alle Aktivitäten rund um das Projekt bei uns im Haus zu koordinieren. Und ich kann sagen, wir sind auf einem guten Weg in Richtung Umsetzung. Was wir jetzt dringend brauchen, ist die Anpassung der gesetzlichen Rahmenbedingungen, um die Basis für Investitionsentscheidungen zu schaffen.

 

Was muss konkret geschehen, damit die Energieversorgung bis spätestens 2050
eine klimaneutrale Industrie ermöglicht?

Aus meiner Sicht brauchen wir dafür drei Dinge. Erstens den massiven Ausbau der Erneuerbaren Energien in Europa. Zweitens den Hochlauf einer Wasserstoffwirtschaft, die sich auf der Angebotsseite aus dem Ausbau der Erneuerbaren und auch aus Importen speist. Auf der Nachfrageseite müssen geeignete Instrumente unterstützend wirken. Hier können z. B. Carbon Contracts for Difference und der CO2-Preis helfen. Zuletzt brauchen wir natürlich eine Infrastruktur, die es uns ermöglicht, klimaneutrale Energie effizient einzusetzen. Das bedeutet, dass das Strom- und das Gasnetz stets grünen Strom und Wasserstoff bereitstellen können müssen, wann und wo sie gebraucht werden. Besonders die Gasnetze haben hier ein riesiges Potenzial. Sie transportieren und speichern riesige Energiemengen und werden das Rückgrat der Wasserstoffwirtschaft.

 

Was treibt Sie an? Was motiviert sie? Warum ist Ihnen das Thema persönlich
wichtig?

Wissen Sie, ich bin Wirtschaftsingenieurin. Für dieses Studienfach habe ich mich entschieden, weil ich davon überzeugt bin, dass man Herausforderungen am besten bewältigt, wenn man die Dinge nicht nur unter einem Gesichtspunkt betrachtet. Auch das Thema Energiewende und Dekarbonisierung müssen wir integriert betrachten, wenn wir erfolgreich sein und den Zeitplan halten wollen.

Deshalb bin ich so begeistert von der Idee, in Deutschland eine Wasserstoffwirtschaft auf Basis des heutigen Erdgasnetzes aufzubauen. Die Weiternutzung der bestehenden Erdgasinfrastruktur ist volkswirtschaftlich zweifellos sinnvoll. Sie ist im Vergleich zu Alternativen kostengünstig und der Eingriff für Mensch und Natur ist gering. Außerdem ist die Umsetzung schnell möglich: Der GET H2 Nukleus soll bereits zu Ende 2023 realisiert werden.

 

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