Drei Fragen an...Karen Perrey

Karen Perrey ist Chemieingenieurin bei Covestro. Sie arbeitet daran, dass die Unternehmensstandorte auf der ganzen Welt konsequent auf alternative Rohstoffe, umweltschonende Prozesse und grüne Energie umgestellt werden.

Frau Perrey, Sie sind derzeit auf den Plakaten der Initiative IN4climate.NRW zu sehen. Sie setzen sich in Ihrem Unternehmen für umweltschonende Prozesse ein, was bedeutet dies konkret?

Natürlich arbeite ich bei Covestro nicht alleine an diesem Thema. Wir möchten uns komplett auf die Kreislaufwirtschaft ausrichten und die Produktion langfristig klimaneutral gestalten. Das erfordert die Mitwirkung aller Bereiche des Unternehmens. Die Prozessforschung arbeitet zum Beispiel an der Verbesserung der Produktionsverfahren. So konnte unter anderem die besonders stromsparende Sauerstoffverzehrkathode für die Chlorproduktion* eingeführt werden – mit ihr verbraucht der Prozess bis zu 30 Prozent weniger Strom als konventionelle Verfahren. Auch die Umstellung auf das Gasphasen-Verfahren ermöglicht Energieeinsparungen, z. B. bis zu 60 Prozent für die TDI-Produktion** im Vergleich zu konventionellen Anlagen.

Der Energieeffizienz-Bereich unseres Unternehmens widmet sich allen Anlagen weltweit, während das Circular-Economy-Team an der Entwicklung neuer Recycling-Technologien tüftelt. Unser Bereich betrachtet die Standorte als Ganzes und nimmt alle Emissionen von den Produktionsstätten über die Energiebereitstellung bis zu Auslieferung und Logistik in den Blick. Wir suchen nach Wegen, um sie kontinuierlich zu senken. Wichtige Hebel dabei sind die Auswahl von Rohstoffen und Energieträgern, die energieeffiziente Verzahnung von Prozessen und die Implementierung neuer Technologien.

 

Was muss konkret geschehen, damit die Chemieindustrie und die Industrie im Allgemeinen bis spätestens 2050 klimaneutral wird?

Der Schlüssel zur Klimaneutralität ist die Verfügbarkeit großer Mengen erneuerbarer Energie zu international wettbewerbsfähigen Preisen. Denn gerade in der chemischen Industrie ist ein sehr großer Teil der Emissionen energiebedingt. Der Weg zur Klimaneutralität ist extrem herausfordernd, vor allem weil noch sehr viele Fragen zu den Rahmenbedingungen offen sind. Wie wird die zukünftige Energie- und Rohstoffversorgung aussehen? Werden wir überhaupt noch die Rohstoffe bekommen, die wir heute nutzen und wenn nein, auf welche gut verfügbaren und wettbewerbsfähigen alternativen Rohstoffe müssen wir uns einstellen? Welche Art von Prozessen (abgesehen von Recycling-Prozessen) müssen wir entwickeln? Diese Fragen versuchen wir, im Rahmen unserer Arbeit zu greifen und zu beantworten.

 

Was treibt Sie an? Was motiviert sie? Warum ist Ihnen das Thema persönlich wichtig?

Mir liegt unsere Umwelt sehr am Herzen. Wenn ich die abgestorbenen Fichtenwälder im Bergischen Land sehe, dann schmerzt mich das – es geht hier um unsere Lebensgrundlage. Unserem Planeten geht es, gelinde ausgedrückt, nicht gut. Dagegen müssen wir ansteuern. Und zwar sowohl im persönlichen als auch im beruflichen Umfeld. Das ist meine Motivation und Überzeugung.

 

* Chlor zählt zu den wichtigsten Grundstoffen der chemischen Industrie und wird über verschiedene Zwischenprodukte z. B. in der Herstellung von Kunststoffen oder Arzneien genutzt. Etwa 3,7 Millionen Tonnen werden in Deutschland jährlich produziert.

** TDI (Toluylen-2,4-diisocyanat) ist ein wichtiges Zwischenprodukt der Chemieindustrie, das in der Herstellung von Weichschaum, z. B. für Polstermöbel, Matratzen oder Autositze genutzt wird.

 

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Im Rahmen eines digitalen Live-Events lädt IN4climate.NRW dazu ein, einen Blick in die Zukunft zu werfen und gemeinsam mit Experten aus Politik, Wissenschaft, Industrie und Gesellschaft die Chancen und Herausforderungen einer klimaneutralen Industrie zu diskutieren.

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